ROSEN UND ROSINEN · April 2018

PASTELLKREIDEN

PASTELLE in Lausanne
BALTHASAR BURKHARD in Winterthur
SHORT STORIES in Basel
HODLER Vorschau

PASTELLE vom 16.-21. Jhdt – Liotard, Degas, Klee, Scully

-21.Mai 18
Lausanne, Fondation de l’Hermitage www.fondation-hermitage.ch
Leonardo war einer der ersten, der die Pastellkreide – ein Gemisch von Pigmenten, Kalk und Bindemitteln – einsetzte. Die Wirkung dieses Mediums ist samtig, pudrig, unmittelbar, weich, leise, tief und sinnlich.  Dies belegen in Lausanne 150 Pastelle aus öffentlichen und privaten Schweizer Sammlungen, wobei der Auftrag und Einsatz der Pastellkreide je nach KünstlerIn und Epoche variieren. Dies wird in der Ausstellung über die 500-jährige Geschichte der feinen Technik differenziert untersucht und kommentiert.  Eine Sehschule par excellence!
Nach den Anfängen in der Renaissance erfuhr die Pastell-Technik im 18. Jhdt. eine besondere Blüte, und zwar mit den Porträts der venezianischen, schon damals bekannten Künstlerin Rosalba Carriera (1675-1757). Oder mit den Rokoko-Arbeiten vom weit gereisten Genfer, Peintre aventurier‘ J.-E. Liotard ( 1702-1789). Sicherlich lohnt neben Lausanne ein Besuch im Genfer Kunstmuseum, um das Werk Liotards weiter zu entdecken!
Auch die Impressionisten verbindet man mit der Pastellmalerei: Edgar Degas fertigte diverse Studien von Tänzerinnen und weiblichen Akten beim Baderitual an – diese gehören zu den bekanntesten Werken in der Technik der Pastellmalerei. Er kombinierte später die Kreide mit dem Monotypie-Druckverfahren oder verwischte diese mit dem nassen Pinsel. Überhaupt experimentierte er gerne und viel und war darauf erpicht, mit diesen Mixturen neue Farb- und Lichteffekte zu kreieren.
Von den impressionistischen Künstlerinnen Mary Cassatt und Berthe Morisot sind glücklicherweise je eine mittelgrosse Pastellzeichnung zu sehen. Die beiden Künstlerinnen schätzten die Technik besonders, wegen der Spontaneität, welche die Kreide beim Auftrag erlaubte. Denn im Vergleich zur Ölmalerei gab es bei der Pastellmalerei keine Wartezeit, bis die Farbe getrocknet war.  Auch der Nabis-Künstler Edouard Vuillard arbeitete mit der Pastellkreide und natürlich der Symbolist Odilon Redon. In seinen traumwandlerischen Imaginationen und Phantasien deutet er mythologische, biblische und florale Inhalte in tiefen Blau-, Rot- und Orange- oder Gelbtönen an. Halluzinierend!
Augusto Giacometti, dem es zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die Leuchtkraft der Farbe und gleichzeitig um die Abstraktion ging, schuf in Florenz 1902 eine kleine Miniatur mit Pastellkreide, nach einem Werk des Malers Fra Angelico. In weiteren kleinen Farbstudien erkundete er die Eigenständigkeit, aber auch die Wechselwirkung der Farben im Zusammenspiel. Der Bogen der Lausanner Ausstellung wird schliesslich bis in die Gegenwart gespannt: mit grossformatigen Arbeiten des irisch-amerikanischen Künstlers Sean Scully.
Lausanne 8.3.18

BALTHASAR BURKHARD

-21.Mai 18
Winterthur, Fotostiftung Schweiz  www.fotostiftungschweiz.ch
Zu früh ist Balthasar Burkhard (1944-2010) vor acht Jahren gestorben. Sein Werk, das ein halbes Jahrhundert umspannt, und seine Person werden in Winterthur in einer Doppelausstellung in der Fotostiftung Schweiz und dem Fotomuseum gewürdigt. Danach wird die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit Essen und Lugano entstanden ist, auch in diesen Städten zu sehen sein.
Bei den Meistern der Schweizer Fotografie vor und nach dem zweiten Weltkrieg denkt man an schwarz-weisse Dokumentarfotografie, oft in Verbindung mit einem Reportagetext, an humanistische Ausrichtung, an präzises Handwerk, und an die damalige Schweizer-Illustrierte, die DU-Zeitschrift oder die Magnum-Agentur.
Der Berner Balthasar Burkhard, etwa eine Fotografen-Generation später geboren, wurde nach seiner Lehre Chronist der Berner Kunstszene der 60er und 70er Jahre. Freundschaften mit Kurator Harald Szeemann, für den er Ausstellungen und Kunstmomente dokumentierte (welche in der Ausstellung gezeigt werden),  oder die Zusammenarbeit mit dem Berner Künstler Markus Raetz waren für seinen Werdegang bestimmend. Mit Markus Raetz, dem findigen Zeichner, Graphiker und Skulpteur, dem es immer wieder um unsere Vorstellungen der Welt und den Sehvorgang an sich geht, schuf Burkhard dann die ersten grossen Fotoleinwände. Diese breiten hohen Ansichten auf Tuch wurden 1970 in der Ausstellung Visualisierte Denkprozesse im Kunstmuseum Luzern ungerahmt mit Klammern an die Wände montiert – darauf zu sehen waren ein kahler Atelierraum, ein Schlafzimmer, eine Küche, ein Vorhang. Und auch die Faltenbildung wegen Grösse und Schwere der Fotoleinwand gehörten dazu und irritierten nochmals. Diese Werke machten Furore und für den Künstler bedeutete es ein Durchbruch.
1972 reiste Balthasar Burkhard dann mit dem Kurator der Ausstellung Jean-Christophe Ammann in die USA, wo zahlreiche Aufnahmen in Künstlerateliers entstanden.  Einige Jahre später hielt sich Burkhard erneut in Chicago auf und wurde als Lehrbeauftragter für Fotografie an der Universität von Illinois tätig. In Chicago traf er auch Alfred Hitchcock, da Burkhard mit dem  Gedanken spielte, Filmschauspieler in Hollywood zu werden.  Die hübsche mit Schlangenleder versehene Box voller Dias und Polaroids mit Selbstporträts und kleinem Projektionsgerät dazu, führte jedoch als Bewerbung in den USA nicht weiter.
Ende 70er, Anfang der 80er Jahren entstanden in grosser Produktivität skulpturale Körperbildnisse wie Das Knie oder Akte, die mehr Landschaften als Körpern glichen. Ungewöhnliche Perspektiven und Annäherungen folgten auch in den Aufnahmen von Städtestrukturen und Rastern von Los Angeles, Mexico City oder Tokio um die Jahrtausendwende. Der Blick von oben auf die Mega-Cities hatte auch mit seinem Vater zu tun: dieser war Pilot bei der Schweizer Luftwaffe und schenkte seinem Sohn übrigens bereits mit acht Jahren seine erste Kamera.  Auch Fotografien von Wolken oder Bergen nahm Burkhard aus schwebender Perspektive wahr. Dann die Formationen und Verwehungen der Wüste von Namibia, Gischt und die Brechung einer Welle in der Normandie – als Hommage an den Maler Gustave Courbet und dessen berühmte Gemäldereihe La Vague.  Ganz anders die Tiere vor einer Zeltplane: Schafe, Wölfe, Löwen ohne Vermenschlichung oder Verniedlichung, aber entfremdet, weil nicht in deren natürlicher Umgebung.
Zu Hause tauche ich nochmals ins Universum Burkhard ein.  Und zwar mit dem Katalog Omnia zur Ausstellung, die im Kunstmuseum Bern 2004 in idealer Zusammenarbeit mit dem Künstler und dem angehenden Direktor Matthias Frehner zusammengestellt und gezeigt wurde. Ja, Schnecken und Papageien im Profil, geöffnete Orchideen, eine angehende Geisha – eine Maiko- in Japan, dichter Bambus, tropisches Unterholz und Sumpf am Rio Negro, herrliche späte Architekturfotografien von Chicago, und Schneelandschaften um den Col de la Croix im Waadtland.  Balthasar Burkhard war einer der ersten, der die Fotografie in ein monumentales grossformatiges Tableau überführte, womit sich das Medium der Fotografie einen festen Platz in der zeitgenössische Kunst eroberte. Und immer wieder mit neuen Themenbereichen überraschend, und diese mit durchgehender Qualität und technischer Perfektion in einer höchst persönlichen Sichtweise reflektierte. So dass man bei der Vertiefung in die Bilder kurz verzückt ob dem im Bild enthaltenen Geheimnis erschrickt.
Winterthur 24.2.18

BASEL SHORT STORIES – Von Erasmus bis Iris von Roten

-21.Mai 2018
Basel, Kunstmuseum Neubau www.kunstmuseumbasel.ch
Was für eine feinsinnige, leichtfüssige, vorurteilslose und geniale Ausstellung über den ,genius loci‘ von Basel und seinen BewohnerInnen und dort entstandenen Kunstwerken!  Die erfrischende Assemblage von Direktor Josef Helfenstein schöpft dabei aus den reichen Beständen des Kunstmuseums und neun Kunstwerke bilden den Ausgangpunkt der verschiedenen Themenbereiche.  Diese Short Stories oder Panoramen mit jeweils vielen Kunstwerken verdichten sich um den Humanisten Erasmus von Rotterdam; um das so wichtige naturalistische Querformat Der tote Christus im Grab von Hans Holbein d.J.; um die weit gereiste Pflanzenmalerin und Wissenschaftlerin Sibylla Merian; um den Kunsthistoriker Jacob Burckhardt, dessen Wohnhaus ja nur wenige Meter vom Kunstmuseum-Neubau entfernt ist; um den Philosophen Friedrich Nietzsche, der von 1869-1879 in Basel weilte, und dessen grosser Saal im Erdgeschoss mit einem eigens dafür entworfenen grünen Teppich von Not Vital ausgelegt ist (welcher an die Tischdecke in Nietzsches Arbeitszimmer in Sils Maria anknüpft); es wird an den Friedenskongress in Basel im Jahre 1912 erinnert; an die Eiskunstakrobaten und Komiker Frick&Frack, die 1939 in die USA auswanderten und dort zu grossem Erfolg kamen; an den Entdecker des LSD, Albert Hofmann und an die Frauenrechtlerin Iris von Roten.  Auch der Saal von Iris von Roten ist sehr sensibel eingerichtet mit Arbeiten von Rosmarie Trockel, Pipilotti Rist, der feministisch aufgeladenen Parodie Küchensemiotik, einem Video von Martha Rosler aus dem Jahre 1975, und ergänzt von weiten, grossflächigen amerikanischen Gemälden von Mark Rothko und Franz Kline. Die beiden Werke sind etwa zur selben Zeit entstanden und mit anderen Kunstwerken des abstrakten Expressionismus ins Kunstmuseum Basel gelangt, als das Opus Magnum von Iris von Roten im Jahre 1958 publiziert wurde. Von Iris von Roten, die sich in den späteren Jahren der Malerei zuwandte, wird das Werk Iris mit Blüten in gelb, orange, tiefrot, blau und lila gezeigt. Das farbenfrohe Gemälde ist ein Jahr vor ihrem Tod 1990 entstanden.
In der geistig weiten und wunderbaren Ausstellung gelingt es Josef Helfenstein, ohne Hierarchien im Bezug auf die verschiedenen vorgestellten  Persönlichkeiten auszukommen, er denkt und fühlt in grossen Zeiträumen von der Renaissance bis in die Gegenwart, und kommt überhaupt ohne eingrenzende Unterscheidungen innerhalb der diversen Kunstsparten aus.  Gemälde, Zeichnungen, Drucke, Fotografien, Videos, Skulpturen, Installationen, alt und neu, klein und gross, Studie und Vollendung, alles hat seinen Platz in den neun sorgfältig komponierten Short Stories und ist von Anfang bis Ende voller köstlicher Spannung!   Man wünscht sich, öfters einem solchen Ausstellungsformat zu begegnen.
Basel 10.3.18

VORSCHAU FERDINAND HODLER

Ferdinand Hodler ist am 19. Mai 1918 verstorben.  Zum 100.Todestag finden in verschiedenen Museen der Schweiz Ausstellungen statt.
Am 19. April wird in Genf im Musée Rath die Hodler Ausstellung Parallélisme eröffnet. Sie ist in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Bern entstanden und in Genf vom 20. April bis 19. August 2018 und danach in Bern vom 14.September bis 13. Januar 2019 zu sehen.
Ausserdem wurde in Genf im Graphischen Kabinett des Musée d’art et d’histoire die Ausstellung über den Genfer Maler Barthélemy Menn (1815-1893) mit 150 Arbeiten auf Papier eröffnet, zu sehen bis 8. Juli 2018.  Mit 19 Jahren liess sich Ferdinand Hodler in der Rhonestadt nieder, nahm Unterricht bei Barthélemy Menn und hielt fest: ,Menn verdanke ich alles‘.
In Winterthur wird im Kunst Museum Winterthur (ehemals MuseumOskar Reinhart am Stadtgarten‘) ab dem 21. April bis 19. August 2018 die Ausstellung Ferdinand Hodler – Alberto Giacometti, eine Begegnung zu sehen sein.

Bitte überprüfen Sie die Ausstellungsdaten.

© Dagmar Huguenin 26.03.2018