ROSEN UND ROSINEN · August 2018

Panoramablick – Bergbilder an sich vorbeiziehen lassen im Alpinen Museum in Bern

BERGE in Bern und Basel
ITALIENISCHE KUNST in Bellinzona und Domodossola

SCHÖNE BERGE Eine Ansichtssache

-6. Januar 2019

Bern, Alpines Museum der Schweiz www.alpinesmuseum.ch
Kunterbunt zusammengewürfelt kann man am Helvetiaplatz, der Berner Museumsinsel, in der Ausstellung Schöne Berge neunzig imposante Bergbilder im dreieckigen Hauptraum des Alpinen Museums sehen. Ob kleine oder grosse Bilder, alt oder neu, von bekannteren oder unbekannten MalerInnen: die Wände sind in mehreren übereinander liegenden unregelmässigen Reihen flächig behängt, mit künstlerischen Überraschungen von Bergorten, die bekannter sind, als die KünstlerInnen selbst. Zu diesen Bergansichten gehören etwa das Monte Rosa-Massiv, der Mont Blanc und die Aiguilles, das Bietsch- und das Matterhorn, die Mischabelgruppe und die Blüemlisalp oder das Brienzer Rothorn und das Haslital. Die KünstlerInnen verbinden oft Kunst und Bergsteigen – manchmal sind sie leidenschaftliche Alpinisten mit Doppelbegabung!
Entweder man betrachtet, von Bild zu Bild gehend, diese aufgefächerten Gletscher, die schwebenden Adler, die zerklüfteten Gesteinsmassen, die weidenden Schafe oder die äsenden Gämsen; die Bäche, Wasserfälle und Seen; die vereinzelten Bäume, Wälder, Stadel und Heuschober; die Tages- und Jahreszeiten, die weiten Himmel. Oder aber man setzt sich auf die rote kreisende Fauteuil-Anlage in der Raummitte und geniesst einen ,Panoramablick‘ auf die Ausstellung – gleich einem Bergrestaurant, das sich auf dem Gipfel dreht.  Dazu kann man beim Schauen über den Kopfhörer auch literarische Texte zum Thema anhören, wenn man möchte: der Theaterautor Antoine Jaccoud hat sie für die Ausstellung zusammengestellt.
Überhaupt ist die Ausstellung in allen Richtungen durchlässig, keineswegs elitär und äusserst erfrischend und kreativ. Neben den gezeigten Bildern erwarten einen bereits vor dem Ausstellungsraum Interviews, in denen sich die Befragten zu einem daneben real auf der Staffelei platzierten Bergbild äussern. Weitere Statements vom Mensch zum Berg kann man im oberen Stockwerk anhören. Diese stammen z.B. von einem Lastwagenchauffeur der lieber über die Berge, als im Tunnel durch die Berge fährt; von einem Mädchen, das spontane wunderbare Äusserungen zu Abendrot, Tieren, Glitzern des Schnees, dem Blick von oben, aber auch von der Mühsal des Wanderns macht. Oder von einer blinden Frau, die vom Duft und der Atmosphäre der Berge schwärmt. Auch die Gemeindepräsidentin von La Bregaglia, Anna Giacometti, äussert sich, zu den Gefahren und der Schönheit der Berge. Ganz allgemein wird vom Bann der Berge, vom Geheimnis, der Geborgenheit und Beständigkeit, der Enge und Begrenzung, der Herausforderung, der Unfassbarkeit und der Ewigkeit der Berge gesprochen.
In einem kleinen Seitenkabinett sind einige Malerbiographien vertieft, wie z.B. diejenige von Albert Nyfeler (1883-1969), der in Kippel im Lötschental wohnte und dort Mensch und Bergwelt einfing. Oder man findet die Lebensdaten der Berners Edmund Wunderlich (1902-85), der in der Ausstellung mit einigen grossen Bergketten vertreten ist. Er malte von Standorten aus, die nur Alpinisten zugänglich waren. Oder man entdeckt die engagierte Berner Malerin und Pionierin Hanni Bay (1885-1978), die meinte, dass es mehr Mut brauche, das Matterhorn zu malen, als es zu besteigen…
Mit der Eroberung des Matterhorns hat sich auch Hodler auseinandergesetzt, als er  1894 Aufstieg und Absturz am Matterhorn als Auftragsarbeit für die Weltausstellung in Antwerpen malte. Dieses wenig bekannte Werk von Hodler, das mittlerweile aus sieben kleineren Leinwänden besteht, ist im Alpinen Museum im damals eigens dafür erbauten Hodler-Saal zu sehen. Ein Schauspieler spricht im Raum als Hodler und verkörpert ihn auf der Leinwand. Hodler kommentiert dabei sein eigenes Werk und seine Rolle als ,Nationalmaler‘ und ,Bergmaler‘ kritisch. Auch das hörenswert!
Mit der reichen und quirligen Ausstellung, die auch mit der Volkshochschule Bern zusammen arbeitet, und welche zudem mit jungen KünstlerInnen die Berge in der Kunst in einer kleinen Sonderausstellung innerhalb und ausserhalb des Museums thematisiert, kämpft der versierte Direktor Beat Hächler mit hartnäckigem Engagement für das weitere Bestehen des Alpinen Museums in Bern.  Beat Hächler hat einen ausgezeichneten Leistungsausweis, ein grosses Netzwerk und ist bereits von seiner Arbeit her am Stapferhaus Lenzburg mit Ausstellungen über empfindliche gesellschaftliche Themen bekannt. Vor gut einem Jahr hat der Bund beschlossen, die Beiträge an das Alpine Museum um massive 75% zu kürzen, was den Weiterbestand des Museums kritisch gestaltet.  Hoffentlich gibt es bei den verantwortlichen Kulturträgern bald ein Umdenken.  Denn das bewährte Museum thematisiert einen wichtigen Teil der geographischen Schweiz und bildet einen wesentlichen Teil der emotionalen Identität der SchweizerInnen ab. Und schliesslich ist auch der Bergtourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig der Schweiz!
Die Ausstellung Schöne Alpen wurde von Barbara Keller kuratiert und entstand in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich. Und Spezialisten – und dem Publikum!
Bern 26. Juli 18

Wenn Sie das Thema kunstgeschichtlich weiter vertiefen möchten, so ist im Kunstmuseum Basel im Altbau um den Innenhof im ersten Stock die herrliche Sammlungspräsentation Schweizer Berge zu sehen.  Mit Gemälden von Caspar Wolf, Alexandre Calame, Giovanni Segantini, Ferdinand Hodler, E.L. Kirchner und anderen.  Voglio vedere le mie montagne!
Basel 15. Juni 18

BURRI FONTANA AFRO CAPOGROSSI

-2.September 2018

Bellinzona, Villa dei Cedri www.villacedri.ch
Abseits von den grossen Kunstpfaden, am andern Ende vom Altstadtkern von Bellinzona, gibt es ein hübsches Kunstmuseum mit Park und altem Baumbestand, die Villa dei Cedri.  Es sind nicht viele BesucherInnen dort und man kann in aller Ruhe die Radierungen, Serigraphien, Aquatinta-Arbeiten und Collagen der vier Künstler der italienischen Nachkriegsgeneration anschauen. Dabei handelt es sich um informelle oder gestische Arbeiten auf Papier aus den 50er und 60er Jahren. Gemäss dem Kunsthistoriker und Politiker G.C. Argan wollten sich diese Künstler von einer ,aufgezwungenen Welt befreien und das Echte suchen‘.
Alberto Burri (1915-1995) war Arzt. Nach den erschütternden Kriegserfahrungen auch als Kriegsgefangener, wollte er schliesslich als Künstler arbeiten. In seinen Arbeiten ist das Material selbst eine wichtige Komponente – wie etwa Juten-Stoff, angesengtes Holz, pechschwarzer Teer, Vynil und angeschmolzenes Plastik. Diese Kombinationen verschiedener Materialen bezeichnet er als Combustione. Seit 1945 lebte er in Rom. 1980 kam es in Perugia zu einer wichtigen Begegnung mit Beuys. In Città di Castello bei Perugia befindet sich seine Stiftung www.fondazioneburri.org
Lucio Fontana (1899-1968) wurde in Argentinien geboren, bildete sich in Mailand zum  Ingenieur aus, zog zurück nach Argentinien, und studierte dann in Mailand an der Brera Kunst. 1935 begann er mit Keramikarbeiten, 1940 liess er sich erneut in Buenos Aires nieder, gründete dort eine Kunstschule und kehrte 1947 wieder nach Mailand zurück. Seine Werke betitelte er mit Concetto spaziale – Attese. Danach folgten die Ambienti Spaziali mit raumbezogenen Installationen. Fontana arbeitete auch häufig mit Architekten zusammen. Seine Stiftung befindet sich in Mailand www.fondazioneluciofontana.it
Afro Basaldella (1912-1976) geboren in Udine, studierte in Florenz und Venedig, und lebte ab 1938 in Rom. Seine sensiblen informellen abstrakten Gemälde zeichnen sich durch feine Farbstimmungen aus. Er war mit dem amerikanischen abstrakten Expressionisten Willem de Kooning befreundet, häufig in den USA und lehrte auch zeitweise dort. Er ist in Zürich gestorben.
Giuseppe Capogrossi (1900-1972) übersäte seine Leinwände und Arbeiten auf Papier mit sich wiederholenden meist schwarzen Zeichen, die an einen Kamm oder eine Art Buchstaben erinnern. Diese Zeichen bezeichnete er als Fotma-Segno.
Bellinzona 21. Juli 18

DE CHIRICO DE PISIS. La mente altrove

-31.Oktober 2018

Domodossola, Palazzo San Francesco www.comunedomodossola.vb.it
In der mittelalterlichen Kirche San Francesco mit farbigen Fresken in einigen Gewölben, romanischen Kapitellen und einem stimmungsvollen feierlichen Raum gibt es dieses Jahr barocke Früchtestillleben von neapolitanischen Malern des 17. Jahrhunderts zu sehen.  Diese werden in Beziehung gesetzt zu den Stillleben von Giorgio De Chirico (1888-1978) und Filippo de Pisis (1896-1956) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Beide Maler bewunderten diese älteren Stilleben und entwickelten sie in ihren eigenen Gemälden weiter.
De Chirico war – wie Lucio Fontana (in der Ausstellung in Bellinzona zu sehen) -ursprünglich Ingenieur und studierte daneben Malerei, zuerst in Athen und danach in München. Er prägte den Begriff der Pittura Metafisica, in der er reale und imaginäre Dinge kombinierte. Er wohnte in Paris, dann in Ferrara, dann wieder in Paris. Die Surrealisten Salvador Dali und Max Ernst betrachteten de Chirico als einen Vorläufer des Surrealismus und verdankten ihm magisch-imaginäre, unbewusste Bilddimensionen. Bekannt von de Chirico ist das Motiv der Piazza d’Italia: auf einem gespenstisch leeren Platz, eingefasst von Arkaden und strenger Architektur, steht oder liegt eine antike Statue, es gibt starke Licht- und Schattenwürfe, im Hintergrund fährt vielleicht ein Zug durch oder raucht ein Fabrikkamin. Ab 1930 wandte de Chirico sich von der Pittura Metafisica ab, hin zu einer barocken Malweise.  An diesem Punkt beeinflussten ihn die nun gezeigten barocken neapolitanischen Stillleben. Er starb 1978, und seit 1999 ist sein Wohnhaus in Rom als Museum geöffnet – es liegt direkt an der Piazza di Spagna.
Der zweite italienische Künstler, Filippo de Pisis, der hierzulande nicht so bekannt ist, hat schon als Kind Blumen, Muscheln und Steine gesammelt und stellte bereits im Schulalter ein Herbarium zusammen, welches sich heute im botanischen Garten in Padua befindet. Mit etwas über 20 Jahren lernte er 1917 in Ferrara den Künstler de Chirico und dessen Bruder kennen. Damals war de Pisis jedoch noch Schriftsteller. Erst danach in Rom wurde er zum Maler. 1925 zog de Pisis von Rom nach Paris und lebte dort bis 1939. Danach lebte und arbeitete er in Mailand und Venedig. Leicht, spontan und fast zeichnerisch, bisweilen expressiv sind seine Stillleben von Blumen, Muscheln, Pilzen und Fischen, häufig versehen mit einem Bild im Bild oder mit einer Landschaft oder einem Strand im Hintergrund.
In der Ausstellung in Domodossola ist sogar ein einziges besonderes Werk von Giorgio Morandi (1890-1964) zu sehen, der in den Jahren 1918 und 1919 der Pittura Metafisica nahe stand. In seiner Heimatstadt Bologna bildete er sich zum Maler aus, und bewunderte Cézanne (1956 besuchte er die Cézanne-Ausstellung im Kunsthaus Zürich), und auch Rousseau und Picasso.  Er blieb zeit seines Lebens in Bologna, und war als Maler auch als Zeichenlehrer tätig und dann als Professor für Radierung an der Kunstakademie. Morandi malte meditativ anmutende Stillleben von Krügen, Töpfen, Gläsern und Vasen in klarer, einfacher Form. In Bologna gibt es ein wunderbares Museum mit den kleinen Gemälden seiner Landschaften und Häuser, und eben: den unfarbigen, geheimnisvollen, intensiven Stilleben, meist in Erd-, weichen Pastell-, Grau- und Weisstönen.
Domodossola 19. Juli 18

 

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© Dagmar Huguenin 30. Juli 2018