ROSEN UND ROSINEN · Februar 2018

Charles und Ray Eames, Chaise Longue (La Chaise), Entwurf 1948, Fiberglas, Rundeisen, Holz, Vitra Design Museum

CHARLES UND RAY EAMES in Weil am Rhein DE
VARLIN in Burgdorf
KUNST IN DER KRYPTA im Grossmünster Zürich

CHARLES & RAY EAMES. THE POWER OF DESIGN

-25.Februar 18
Weil am Rhein, DE, Vitra Design Museum www.design-museum.de
Ray Eames (1912-1988) war ursprünglich Malerin und Charles Eames (1907-1978) Architekt. Zusammen gestaltete das berühmteste Designerpaar des 20. Jahrhunderts verschiedene weltbekannte Möbelklassiker, aber auch Filme, Bücher, Spielzeuge, Ausstellungen und später ganze Medieninstallationen. Die vierteilige ausserordentlich anregende Ausstellung im nördlich von Basel gelegenen Weil am Rhein, ist auf dem Vitra-Campus im Hauptgebäude, im Frank Gehry-Bau; in der Galerie daneben mit von den Eames‘ entworfenen Spielzeugen für Kinder; im Schaudepot; und im von der Architektin Zaha Hadid entworfenen Feuerwehrhaus (Präsentation von mehr als 100 Filmen der Eames‘) zu sehen.
Die berufliche und private Partnerschaft des kongenialen Designer-Duos dauerte fast vierzig Jahre. Sie trafen sich 1940 an der Cranbrook Academy of Art in Michigan – einer Kunstakademie, die für höchst qualitätsvolles und innovatives Design steht. Dort wurden die Werte des britischen Arts-and-Crafts-Movement mit dem Denken des europäischen Bauhauses verbunden. Es wurde ein Jahr später geheiratet, und 1947 eröffnete das Paar das Eames Office im kreativen und progressiven Kalifornien, in Venice bei Los Angeles. Das Eames Office gab es über vierzig Jahre, bis zum Tode von Ray Eames 1988. Das Office bestand aus vielen Mitarbeitern, und es wurden Kooperationen mit Designern und Architekten wie Harry Bertoia, George Nelson, Richard Buckminster Fuller, Eero Saarinen, Isamu Noguchi und anderen eingegangen. Mit der amerikanischen Firma Herman Miller entstand eine enge, fruchtbare Zusammenarbeit.
Für das Eukalyptus-Wäldchen auf einem Wiesengrundstück entwarfen die Eames ein lichtdurchflutete Wohnhaus, das Case Study House No.8, welches sie 1949 bezogen. Es war mit einer Fassade aus Glas und farbigen Paneelen versehen, daneben ein Atelier. Sie nannten die Anlage ,Kulisse eines Lebens in Arbeit‘ und veranschaulichten damit neue Bau- und Wohnformen. Im dynamisch konzipierten Haus wurde auch die auf Reisen entstandene Folk Art-Sammlung – bestehend aus bunten Teppichen, Keramik und weiteren Kunstgegenständen – gezeigt, sie empfingen dort Kunden und nutzten es als Showroom oder als Filmset für ihre Filme.
Charles Eames besass als Architekt einen siebten Sinn für Technik und Ray Eames als Malerin ein Gespür für Farbe, Form und Komposition. Sie experimentierten mit dem Werkstoff Sperrholz, welchen sie nach der Entwicklung einer Beinschiene für die amerikanischen Kriegsindustrie 1942, danach in dreidimensionaler Verformung für Möbel verwendeten. Aus Fiberglas hingegen entstanden in den 50er Jahren Sitzschalen in organischer Form, welche leicht, stapelbar, strapazierfähig und preisgünstig waren. Weitere Stühle aus gebogenem Drahtgitter folgten. Für die Sitzmöbel aus Sperrholz, Fiberglas und Drahtgitter wurde intensiv und spielerisch kühn, jahrelang und jahrzehntelang bis ins kleinste Detail geforscht, verbessert und neu erdacht. 1956 ist schliesslich der bequemste Fauteuil, den es überhaupt gibt, entstanden: der Lounge Chair mit Fusshocker, aus edlem Palisanderholz, Leder und Metall – eine Neuinterpretation des traditionellen Klubsessels. Charles Eames meinte, der Lounge Chair solle das ,warme, behagliche Aussehen eines Baseballhandschuhs‘ haben. Dieser grossartige Klassiker ist mittlerweile in Museumssammlungen auf der ganzen Welt vertreten. Der im Vitra Museum ausgestellte Lounge Chair stand bis zu Rays Tod 1988 im Eames Office in Venice. Wow!
Die Ausstellung besteht aus 500 Exponaten und wird begleitet von Zeichnungen, Skulpturen, Modellen, Textilien, Multimedia-Installationen und Filmen, in denen sich die Eames auch als Pioniere des Informationszeitalters entpuppen. Die reiche, lebendige und in sich selber kreative Ausstellung entstand auf der Grundlage einer Ausstellung im Barbican Centre in London, und in Zusammenarbeit mit dem Eames Office.
Weil am Rhein 20.1.18

VARLIN. PERSPEKTIVEN

– 4.März 18
Burgdorf Museum Franz Gertsch www.museum-franzgertsch.ch
Zum vierzigsten Todestag von Varlin (1900-1977) hat das Franz Gertsch Museum ihm eine sehr persönliche Hommage in Burgdorf eingerichtet. Varlin, mit bürgerlichem Namen Willy Guggenheim wurde in Zürich geboren. Im Gegensatz zu den Zürcher Konkreten um Max Bill blieb er immer der expressiven figurativen Malerei verpflichtet. Auf den ausgestellten Bildern sind seine Familie und seine Freunde zu sehen: seine Mutter, seine Zwillingsschwester Erna, eine Freundin an der Nähmaschine, seine Frau Franca und seine kleine Tochter Patrizia auf dem Schaukelpferd. Auf einem monumentalen Gemälde Leute meines Dorfes (1975-76) versammelt Varlin die Bevölkerung von Bondo, wohin er 1963 umgezogen war. Auf ungrundiertem Blachenstoff stellte er in Kohle und Ölfarbe den Bauer und Bergführer, die Haushalthilfe, den Arzt, die Krankenschwester, den Lehrer, den Wildhüter und seine Frau Franca Giovanoli Guggenheim dar. Die Requisiten in den Händen der Menschen sind spärlich: eine Sense, ein Hund, eine Zigarette, ein Huhn. Das Gleichnis mit vierzehn Personen misst knapp acht Meter und ist sonst in Stampa im Museum Ciäsa Granda zu sehen. Das Bild hängt in Burgdorf übrigens vis-à-vis vom Gemälde Die Heilsarmee oder Die geistige Freude, einem schauerhaften Gemälde mit neun MusikerInnen der Heilsarmee: auf Holzlatten gemalt, die Figuren vor schwarzem Hintergrund, mit maskenhaft weissen versteinerten Gesichter und in dunklen Uniformen. Das Grossformat war ein Auftrag für die Expo 1964 in Lausanne, und Varlin unterbreitete es zusammen mit dem Gemälde Die Völlerei oder Die leibliche Freude (in Burgdorf nicht zu sehen). Nach der Expo hing das Gemälde der Heilsarmee im Arbeitszimmer von Friedrich Dürrenmatt ob Neuchâtel, der es nach der Expo erstanden hatte, und er liess sich davon inspirieren… Auf weiteren Gemälden dann sein Freund, der Fotograf, Galerist und Verleger Ernst Scheidegger, der ihn häufig in Bondo im Bergell mit seinem Boxer-Hund besuchte (welcher auch auf dem Gemälde mit Scheidegger posiert), und natürlich der Titan Friedrich Dürrenmatt, eingerahmt vom Friedensapostel Max Daetwyler und dem Clochard Wolz. Sie alle erscheinen ins Sein geworfen, ausgesetzt und verletzlich – und doch monumental unumstösslich.
Varlins verzerrte Menschendarstellungen, die Heftigkeit seines Farbauftrags, die Radikalität der Sichtweise und die pechschwarze Abgründigkeit erinnern auch an den Briten Francis Bacon, den Russen Chaim Soutine und den Spanier Francisco de Goya.
Zwischen diesen figurativen, meist auf ungrundierter Leinwand skizzierten Bildnissen, auch Gemälde von verschiedenen Objekten und Orten: das Bild einer gewölbten Matratze mit Kissen und Bettstatt. Haare und Matratzenfüllung werden zum Bestandteil der Farbe. Das ehemalige Spitalbett stand im Atelier in Bondo. Dann ein Regenschirm in Weiss, welcher der Mutter gehörte, und ein Regenschirm in Schwarz; ein einzelner Schuh. Ansichten, Ecken und Strassenzüge in Paris, Malaga, Nizza und Neapel sind zu sehen, aber auch in Zürich, Luzern und Lausanne.
Die gelungene und sehenswerte Hommage an den unbeugsamen Künstler mit Wurzeln in Zürich und im Bergell ruft darüber hinaus das Panoptikum seines illustren Freundeskreises mit Persönlichkeiten aus dem Schweizer Literatur- und Kulturleben in Erinnerung! Dazu gehörten auch Hugo Loetscher, Jürg Federspiel, Paul Nizon und Max Frisch. Und der damalige Zürcher Stadtpräsident Emil Landolt.
Von Franz Gertsch ist das neue Gemälde Meer (2016/17) zu sehen. Wellen, Gischt, der Horizont und schwere graue Wolken.
Burgdorf 27.1.18

MIRKO BASELGIA

-22.März 18 (vom 31. Januar bis 2. März geschlossen)
Zürich Grossmünster Kunst in der Krypta No. 5
Zum fünften Mal wird in der Krypta des Grossmünsters eine zeitgenössische Installation eingerichtet – diesmal vom Bündner Künstler Mirko Baselgia (*1982). Fünfzehn Steinblöcke aus China hat er dort in drei Gruppen aufgebaut und die vier romanischen Glasfenster der Krypta hat er mit Porzellanscheiben versehen, durch welche gedämpftes, milchiges Licht eindringt. Die für die Scheiben verschiedenen Etappen der Porzellanproduktion in China hat der Künstler in einem aus zehn Holzschnitten bestehenden Künstlerbuch Transmutaziun dokumentiert. Im Buch überlagern die Holzschnitte die im feinen Papier durchschimmernden Fresken der Krypta des Grossmünsters, welche die Martyrien der Zürcher Stadtheiligen Felix, Regula und Exuperantius darstellen, denen das Grossmünster gewidmet ist.
In der Krypta auch zu sehen: die steinerne wuchtige Figur Karls des Grossen, verwittert und erodiert, die vormals an der Fassade des Grossmünsters zu sehen war und aussen durch eine Kopie ersetzt wurde.
Und im Kirchenraum immer wieder ein Blick auf das über dem Chor farbig funkelnde Weihnachtsfenster von Augusto Giacometti (1932) und die teils aus Achatscheiben gefertigten wundersamen Sigmar-Polke-Fenster (2009).
Zürich 27.1.18

Für TeilnehmerInnen der Vorträge über Künstlerinnen (Agenda) sind gegenwärtig zwei ergänzende Ausstellungen in München und Milano zu sehen:

GABRIELE MÜNTER. Malen ohne Umschweife

-8.April 18
München, Lenbachhaus Kunstbau www.lenbachhaus.de

und

FRIDA KAHLO. Oltre il mito

-3.Juni 18
Milano, MUDEC www.mudec.it

 

Bitte überprüfen Sie die Ausstellungsdaten.

© Dagmar Huguenin 09.02.2018